So in etwa könnte Irmtraud Tarr das Thema ihres neuen Buches Mit beiden Beinen fest im Himmel umfassen. Plötzlich bricht ihr seit seinem 20. Lebensjahr behinderter Bruder - ein Fahrradunfall löste ein Hirntrauma mit dauerhafter Schädigung des Gehirns bei ihm aus - in ihr wohltemperiertes Leben zu zweit ein.
Er braucht Hilfe und Begleitung und kommt als ihr ungewöhnlicher "Pflegesohn" ins Haus. Eine komplette Lebensumstellung ist die Folge, andere Wirklichkeiten stellen sich ein, andere Sichtweisen. Vor allem die Auseinandersetzung mit der Welt der Behinderten und der Behinderungen wirbelt die neue Familie durcheinander, obwohl Gernot mit seinen Eskapaden, seiner Weisheit und Musikalität, seinen Traurigkeiten und seiner Spiritualität die eigenen Grenzen an Toleranz, Humor und Belastungsfähigkeit wachsen lassen. Es geht der Autorin mit dieser sehr persönlichen Geschwister-Geschichte auch darum, den Wert und die Schattenseiten eines solchen Lebens mit einer Behinderung offen zu legen und die Vielfalt und das Anderssein der Menschen anzunehmen - mehr noch - mit Faszination als Bereicherung zu sehen.
Das Jahr 2003 wurde von der EU zum Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen proklamiert. Dadurch soll die Aufmerksamkeit auf die Bereiche der Gesellschaft gelenkt werden, in denen immer noch Hindernisse und Diskriminierungen für die etwa zehn Prozent der EU-Bürger bestehen, die mit einer Behinderung leben.
Irmtraud Tarrs Bruder gehört zu eben jenen zehn Prozent der EU-Bürger. Ihr ist es mit dieser persönlichen Schilderung gelungen, den Leser nicht mit Larmoyanz, sondern mit viel Humor und Aufrichtigkeit für dieses Thema zu sensibilisieren.